Lernen in regionalen Netzwerken

Autor*innen - Margit Stumpp
- André Hermes
- Martin Bregenzer
- Stefanie Rack
- Stefan Kretzmann
- Hannah Ballmann
- Mandy Schütze

Moderation:
Maximilian Voigt

Mehr Bildungsgerechtigkeit und digitale Kompetenzen durch lokale Lernnetzwerke, Medienberater und binnendifferenzierte OER.

Eine gute Bildung ist abhängig vom sozioökonomischen Status – im Brennglas der Krise wird das gerade besonders deutlich. Aber ob Lernende an Bildung teilhaben können, darf nicht vom Geldbeutel oder Bildungsstand der Eltern abhängig sein. Bildung muss allen zukunftsgerechte Kompetenzen vermitteln. Hier braucht es sozialverträgliche Maßnahmen, wie freie Technologien, Freiräume, Unterstützungsangebote und Lernmaterialien, um allen eine gute Bildung zu ermöglichen.

  • Welche Rahmenbedingungen braucht es, den digital Gap zu schließen und digitale Tools für mehr Chancengerechtigkeit in der digitalen Gesellschaft zu nutzen?
  • Wie müssen organisatorische und digitale Lösungen für unterschiedliche Ziel- und Lerngruppen verschiedener sozioökonomischer Herkunft aussehen?
  • Wie schaffen wir einen Mehrwert für das lebensbegleitende Lernen, insbesondere auch für Lehrende?
  • Und wie müssen Lernräume der Zukunft gestaltet werden?

Die Fachgruppe 3 des Forum Open Education hat sich diesen Fragen gestellt und Maßnahmen entwickelt, die den Blick über bestehende Strukturen hinweg weiten. Das Ergebnis ist ein Programm, das Bildungseinrichtungen, insbesondere Schulen, und außerschulische Lernorte, wie Bibliotheken, Jugend-, Familieneinrichtungen und Offene Werkstätten in lokalen Lernnetzwerken denkt. Teil dieser Netzwerke sind Konzepte, die für die teilnehmenden Akteure qualifizierte Begleiter vorsehen, die die technischen, individuellen, pädagogischen und organisatorischen Transformationsprozesse unterstützen. Für die sich dadurch eröffnenden selbstorganisierten Lernszenarien werden Open Educational Resources (OER) gefördert, die ein integratives und binnendifferenziertes Lernen ermöglichen.

Regionale Lernnetzwerke: für mehr offene Lernräume, die auf individueller Ebene wirken

Wie sollen schulische Einrichtungen den veränderten Anforderungen gerecht werden, wie der Integration von digitalen Tools, Inklusion und der Vermittlung von zeitgemäßen Kompetenzen? Schulen können nicht alles leisten. In vielen Regionen existieren bereits zahlreiche Institutionen oder Projekte, die Lösungen entwickelt haben und über die geforderte Expertise verfügen. Regionale Lernnetzwerke sollen hier ansetzen: Sie schaffen dezentrale Kompetenzknoten, die auf institutioneller Ebene Wissen austauschen und gemeinsame Lernräume als Schnittstellen eröffnen, die Freiräume und das Selbstlernen auch auf institutioneller Ebene ermöglichen. Damit geht dieser Ansatz weiter als bestehende Ansätze, wie etwa MINT-Cluster, die auf die Förderung von Mangelberufen ausgerichtet sind. So werden Innovationen aus dem außerschulischen Bereich in schulische Einrichtungen getragen und eine offene Lernkultur etabliert, die auf Kollaboration ausgerichtet ist. Im Mittelpunkt steht dabei der Auf- und Ausbau der Zusammenarbeit mit offenen Lernorten, an denen ein selbstgesteuertes Lernen möglich ist. Das sind Bibliotheken, Landesmedienzentren, Gemeinschaftsgärten, Kulturräume und Offene Werkstätten, wie FabLabs, Maker- oder Hackerspaces - Orte, an denen Selbstwirksamkeit, ein selbstbestimmtes Lernen, Zusammenarbeit und der Austausch von Wissen erlebbar ist. So wird eine Infrastruktur für projektbasierte Lernszenarien geschaffen, die einerseits auf curricularer, andererseits auf individueller Ebene stattfinden, ein Netzwerk des lebenslangen und transdisziplinären Lernens, das perspektivisch alle Bildungseinrichtungen integriert sowie den Austausch untereinander fördert.

Beispiel:
Im Rahmen einer Projektarbeit dürfen Lernende selbst für sie interessante Themen setzen und diese z.B. in einer Offenen Werkstatt verwirklichen. Die Projekte funktionieren fächerübergreifend. In “Deutsch” entsteht die Dokumentation, in “Englisch” eine Übersetzung, “Physik” und “Mathematik” werden durch die praktische Umsetzung in der Werkstatt vertieft. Digitale Tools sind elementarer Teil bei der Planung, Umsetzung und Dokumentation. Ein/e Lehrer*in betreut pädagogisch, eine Person aus der Offenen Werkstatt durch technische Expertise. In regelmäßigen Treffen werden Absprachen getroffen, um den Verlauf zu organisieren.

In diesem auch als “Connected Learning” bezeichnetem Umfeld werden Lehrende zunehmend durch ihre Rolle der/s Lernbegleitenden entlastet, die ihnen mehr Freiheitsgrade bei der Ausfüllung notwendiger Beziehungsarbeit gibt. Gleichzeitig bekommen sie selbst Einblicke in neue Lernszenarien, in die Anwendung von Tools und Konzepten, wodurch sich Fortbildungseffekte ergeben.

Dafür braucht es:

  • mehr Freiräume im Lehrplan, wie sie auch die OECD im Lernkompass 2030 (S. 64) fordert,
  • eine zeitgemäße Prüfungskultur, die die Bewertung von projektbasierten Formaten erleichtert,
  • mehr zeitliche Ressourcen für Lehrende,
  • regionale Initialisierungsstellen, die Akteure auf lokaler Ebene zusammenbringen,
  • Ressourcen, die den offenen Lernorten den erhöhten Organisationsaufwand sowie die Betreuung ermöglichen,
  • eine Anerkennung offener Lernorte als Institutionen der Bildung,
  • eine niederschwellige Förderinfrastruktur, die es auch kleineren Institutionen ermöglicht Mittel zu akquirieren,
  • den Ausbau und die Förderung von mobilen Angeboten in strukturschwachen Regionen, die weniger über lokale Möglichkeiten verfügen,
  • eine leistungsfähige technische und organisatorische Infrastruktur, die Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet,
  • ein Denken, das auf die Lernenden fokussiert ist und diese von Beginn an in Entscheidungsprozesse integriert, um individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Begleitkonzept: für mehr Unterstützung bei der Transformation von Bildung

Für die Begleitung der Schulen bei der Anbindung an die regionalen Lernnetzwerke sowie der digitalen Transformation der eigenen Organisation und Infrastruktur muss in Personal investiert werden. Jede Schule sollte daher eine/n Medienberater*in als dauerhafte Unterstützung haben. Diese technisch-pädagogischen Medienberater*innen geben Anregungen und Hilfen für die Lehrenden bei der konkreten Umsetzung im Fachunterricht. Sie unterstützen bei der Ausarbeitung von Schnittstellen zum Lehrplan, weisen auf Fortbildungen hin und bieten eigene an. Außerdem sind sie beim Einsatz und der Produktion von Open Educational Resources beratend tätig. Voraussetzung für diese umfangreiche Beratungstätigkeit ist eine entsprechend ausgeprägte pädagogische, technische und rechtliche Qualifikation. Im Kontext der regionalen Lernnetzwerke fungiert diese Person außerdem als Schnittstelle zwischen den außerschulischen Einrichtungen und als Ansprechpartnerin in der Institution selbst. Sie ist nicht zuständig für den Aufbau, die Wartung und Administration der technischen und organisatorischen Infrastruktur an Schulen. Um seiner/ihrer Aufgabe gerecht werden zu können, muss die Rolle von Medienberater*innen als Expert*innen für offene Lerntechnologien gestärkt werden.

Dafür braucht es:

  • die Öffnung für innovative Impulse aus dem außerschulischen Bereich seitens der Schule - dahingehend muss die Rolle der Medienberatung erweitert werden,
  • die Qualifizierung von Medienberater*innen in der Beratung und im Auf- und Ausbau von offenen Technologien,
  • eine verlässliche Finanzierung seitens der Länder.

Binnendifferenzierte OER: für eine integrative Lehre

Für handlungsorientierte, digitale Lern- und Arbeitsprozesse sind rechtssichere Bildungsmaterialien von besonderer Bedeutung. OER gelten durch ihre (freie) Creative Commons-Lizenzierung als rechtssicher. OER sind darüber hinaus auf die Bedürfnisse der Lernenden und den Lehr- und Lernkontext anpassbar und ermöglichen somit größtmögliche pädagogische Freiheit sowie eine integrative, inklusive, binnendifferenzierte Arbeitsweise. Für die Realisierung und Ausweitung des selbstorganisierten Lernens durch die regionalen Lernnetzwerke ist ein breites Angebot von binnendifferenzierten OER ein elementarer Bestandteil. Denn nur so können Lernende ihren individuellen Lernweg gestalten. Für eine inklusive und integrative Bildung ist die Förderung von binnendifferenzierten Digitallösungen (Open Source) sowie Konzepten (OER) für unterschiedliche Ziel- und Lerngruppen verschiedener sozioökonomischer Herkunft notwendig.

Dafür braucht es:

  • den Aufbau eines “Documentation Funds” für innovative Offene Bildungsmaterialien und -konzepte - insbesondere auch für außerschulische Akteure,
  • zeitliche Entlastungen für Lehrende, die ihre Konzepte und Materialien dokumentieren und veröffentlichen,
  • die Verstetigung von Suchmaschinen für OER,
  • die Initialisierung von Forschungsvorhaben zum Verständnis der Qualitätssicherung und Verbesserung von OER,
  • dezentrale Administrationszentren, die zentral entwickelte Open Source Lösungen lokal hosten - eine Rolle, die Landesmedienzentren einnehmen können.



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