Open Educational Resources in Hochschule und Lehrkräftebildung

Autor*innen - Katja Suding
- Dr. Jens Brandenburg
- Dr. Norbert Kleinefeld
- Aliki Kaiser
- Nele Hirsch
- Frank J. Müller
- Mario Ganz
- Jan Neumann
- Manfred Steger

Moderation:
Dominik Theis

Und die strukturelle Förderung von Digital Literacies

Wie können Digital Literacies (Digitale Medienkompetenzen / Mündigkeit / digitale Grundbildung) strukturell gefördert werden? Mit welchen Anreizen kann die Erstellung und Verbreitung von Open Educational Resources (OER) innerhalb und über die Hochschulen hinweg gestärkt werden? Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich eine Fachgruppe in einem mehrmonatigen Prozess. Ausgangspunkt war die Annahme, dass eine Verbreitung von OER mit einer Erhöhung und Förderung von digitalen Medienkompetenzen einhergeht. Hierfür entwickelte die Fachgruppe Empfehlungen im Hinblick auf Fort- und Ausbildungsprogramme für Lehrkräfte. Zudem sind Ideen zur Anreizsetzung für das Schaffen und Veröffentlichen von frei lizenzierten Lehr- und Lernangeboten gesammelt worden. Die an Hochschulen stattfindende Lehrendenausbildung ist in der Regel durch eine gestufte Studienstruktur gekennzeichnet. Neben der Vermittlung fachwissenschaftlicher Kompetenzen stehen Qualifikationen bezogen auf das Handlungsfeld Schule in Vebindung mit Professionalisierungsbereichen im Fokus. Darauf aufbauend wird in einer praktischen Phase (Vorbereitungsdienst / Referendariat) selbstständiger Unterricht zur Vertiefung fachdidaktischer und unterrichtspraktischer Kenntnisse realisiert. Hierbei kommen jedoch zumindest teilweise insbesondere pädagogische Ansätze und Kompetenzen der vergangenen Jahrzehnte zum Tragen. Für den Übergang zu neueren Unterrichtsmodellen fehlt es mitunter auch an

  • Digital Literacies auf Seiten des Lehrpersonals sowie geeigneten Konzepten, diese in der Lehre nachhaltig zu vermitteln und
  • digitalen Kompetenzen sowie einem tiefgreifenden Verständnis des Internets, um die Basisaspekte von OER zu vermitteln - wie die Nutzung, Gestaltung, Lizenzierung, Veröffentlichung in geeigneten Repositorien und Bekanntmachung.

Denn nur durch eine zeitgemäße Lehrkräftebildung gelingt langfristig auch eine Transformation der Schulen, die sich durch eine inklusivere, barrierefreiere Bildung dann auch auf die Lernenden auswirkt. OER besitzen in der Regel auch einen inklusiven Charakter, indem sie die Offenheit zur Anpassung auf spezielle Bedürfnisse ermöglichen (z. B. eine Übersetzung/Übertragung in unterschiedliche Sprachen/Formate). Dafür sind entsprechende, verbindliche Metadatenstandards hilfreich. Um das volle Potential von OER auszuschöpfen ist es zielführend von Beginn an (bei der Konzeption und Erstellung von OER) Inklusion mitzudenken.

Aus- und Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte und Lehramtsstudierende

Unter Digital Literacies verstehen wir Schlüsselkompetenzen, die über Digital Skills hinausgehen: Während sich Skills nach unserem Verständnis in großen Teilen auf fast schon “handwerkliche” Fähigkeiten und Fertigkeiten beziehen, finden sich in Digital Literacies viele wichtige zusätzliche Kontextfaktoren wieder. Der kritisch-analytische Umgang mit digitalen Räumen und Methoden, auch Faktoren eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und eines interkulturellen Austauschs sind sehr viel präsenter als in den meisten Konzepten von Digital Skills. Gleichzeitig sind Menschen herausgefordert, Formen sozialer Interaktion, zwischenmenschlichen Umgang, Kommunikation sowie Ideen und Ideale eines Zusammenlebens im digitalen Raum auszubilden, zu entwickeln und auszuhandeln. Auch diese komplexen Vorgänge sehen wir in den Elementen von Digital Literacy abgebildet. Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Schließungen zahlreicher Bildungsinstitutionen haben noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig Digital Literacies sind. Nicht nur für das Lernen und Lehren von zuhause, sondern auch als Unterstützung der Präsenzlehre gewinnt Digitalität immer mehr an Gewicht. In einer zunehmend von digitalen Elementen durchzogenen (Alltags-)Welt wird es wichtiger, dass jede Person souverän mit den digitalen Medien umgehen und dieses auch gestalten kann. Digital Literacies sollten daher fester Bestandteil der Lehre sein und strukturell in der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung verankert werden. Von Lehrkräften wird neben der Vermittlung von Basiskompetenzen auch verlangt, dass sie junge Menschen darin unterstützen, autonome Lernende zu werden, indem sie Schlüsselkompetenzen entwickeln, statt Informationen zu memorieren; Einhergeht, die Erwartung an Lehrkräfte, dass sie stärker partizipativ und konstruktiv ausgerichtete Lernkonzepte entwickeln und eher Vermittler*innen und Lernbegleitende sind. Diese neuen Rollen erfordern Aus- und Weiterbildung in unterschiedlichen Unterrichtskonzepten und ‑stilen. Hinzu kommt, dass aktuell im Lernraum eine heterogene Mischung junger Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Fähigkeiten versammelt ist. Von den Lehrkräften wird verlangt, dass sie die von neuen Technologien gebotenen Möglichkeiten kennen, sich aneignen, nutzen und dem Bedarf nach individualisiertem Lernen nachkommen. Die Fachgruppe empfiehlt die Etablierung von klaren Qualifizierungsprogrammen, die zu Teilen optional und zu Teilen verbindlich für alle sind. Diese Programme sollten mehrere Kompetenzebenen mit einbeziehen, jedoch auch offen für individuelle Anpassungen sein. Die Ziele des Programms sind hierbei die Stärkung von Digital Literacies bei Lehrkräften, Lehramtsstudierenden und schließlich Schülerinnen und Schülern, sowie die Schaffung von didaktisch geleiteten Experimentierräumen für Innovationen im Unterricht. Fachvermittlung, Didaktik und Digitalisierung sollten hierbei als selbstverständliche Einheit betrachtet werden. Der Einbezug und die Beschäftigung mit offenen Standards (wie z. B. Metadatenstandards) und einer angemessenen Orientierung für Qualitätssicherung sind hierbei genauso wichtig, wie ein iteratives, ergebnisoffenes Vorgehen bei der Erstellung des Aus- und Fortbildungsprogramms. Der stetige Austausch mit der Zielgruppe und deren Umfeld ist essentiell für das Gelingen einer strukturellen Förderung von Digital Literacies.

Gelingensbedingung

Eine wichtige Gelingensbedingung für die Förderung von Digital Literacies bei Lehrenden und Lernenden ist ihre wohl durchdachte Integration in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften. Neben der strukturellen und institutionalisierten Verankerung bedarf es der Unterstützung einer lebendigen phasenübergeifenden Kommunikations- und Abstimmungskultur.

Digital Literacies in der Lehrkräftebildung

Auf der Grundlage des Eckpunktepapier des niedersächsischen Expertengremiums Digitalisierung in der Lehrerbildung (Beste et al. 2019) empfehlen wir ein Aus- und Fortbildungsprogramm, das folgende fünf Punkte beinhaltet:

  1. Eine Strukturelle Verankerung von Digital Literacies in den Lehramtsstudiengängen
    • als verpflichtendes Basismodul
    • als Pflichtelemente in allen Unterrichtsfächern und beruflichen Fachrichtungen
    • als Schwerpunkt in den Praktika
    • Vertiefende Wahlpflichtangebote
  2. Weiterqualifizierung von Dozent*innen in der Lehrkräftebildung
    • unter Einbezug der entsprechenden wissenschaftlichen und hochschuldidaktischen Einrichtungen
    • durch die Ergänzung eines entsprechenden Moduls zu den hochschuldidaktischen Qualifizierungsangeboten
  3. Institutionalisierte Verankerung von Digital Literacies in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung
    • Schaffung von Koordinationsstellen an den Zentren für Lehrerbildung
    • Professur mit ausgewiesenen Forschungsschwerpunkten, wie Medienpädagogik und / oder Informatikdidaktik, die mit der digitalen Strategie der gesamten Hochschule be
    • Etablierung einer institutions- und phasenübergreifende Struktur zum interdisziplinären Diskurs und zur konzeptionellen Weiterentwicklung der Thematik
    • Einrichtung von (auch experimentellen) Lehr-Lern-Laboren, zur Entwicklung und Evaluation von Bildungsmaterialien und - konzepten in Bezug auf Forschung, Aus-, Fort-, und Weiterbildung sowie Schulentwicklung
  4. Angebote in der Lehrkräftefortbildung
  5. Inhaltliche phasenübergreifende Abstimmung mit den Studienseminaren

Ansätze zu Anreizsetzung und Unterstützung

Die Fachgruppe hat sich mit unterschiedlichen Modellen der Anreizsetzung und Unterstützung zur Erstellung und Verbreitung von OER an und über die Hochschule hinaus beschäftigt und einige Empfehlungen zusammengetragen. Es müssen Anreize, rechtliche, infrastrukturelle Rahmenbedingungen sowie eine sensibilität für die ganz praktischen Vorteile von OER geschaffen werden, um die durch Lehrende erstellten Manuskripte und Lehrmaterialien stan­dard­mä­ßig als OER bereitzustellen. Um die Kultur des Teilens zu fördern, braucht es Zeit und Freiräume, Anerkennung, Unterstützungsstrukturen und ein geschärftes Bewusstsein für die Möglichkeiten und Mehrwerte sowie den Nutzen von frei lizenzierten Lehr- und Lernkonzepten.

Förderlogik

Ganz nach dem Motto “Was mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, soll frei nutzbar sein”, sollten Bildungsmaterialien, die aus öffentlichen Mitteln (ko-)finanziert werden, standardmäßig als OER freigegeben sowie in offenen Formaten bereitgestellt werden. Die freie Lizenzierung und Zusammenarbeit (vgl. OERContent.nrw) sollte hierbei Voraussetzung von (universitätsinternen) Projektförderungen sein. Eine weitere Maßnahme wäre die Etablierung von großangelegten erfolgreichen Förderlinien, wie beispielsweise OERContent.nrw 2019.

Zeit und Freiräume schaffen

Das Schaffen von Freiräumen und das Gewähren von Zeitausgleich ermöglicht es Hochschullehrenden, Dozierenden und Professor*innen, OER zu erstellen. Abminderungsstunden oder eine Anrechnung auf das Lehrdeputat o.Ä. sollte für die Erstellung, die Koordination der OER-Inhalte und die Digitalisierung von Lehr- und Lernkonzepten zur Verfügung stehen. Eine Einstellung von OER-Manager*innen an Hochschulen für die technische und grafische Umsetzung ist dabei essentiell, um den Zeitaufwand gering zu halten.

Bewusstsein schaffen

In einer Institution muss dafür das Bewusstsein geschaffen werden, dass OER existiert. Eine Sichtbarmachung von erstellten, frei lizenzierten Lehrmaterialien sollte sowohl an der Hochschule, als auch in der zweiten und dritten Phase der Lehrkräfteausbildung passieren. Leuchtturmprojekte sind zu identifizieren und sichtbar zu machen, etwa auf den institutionellen Webseiten, erfahrungs-fokussierten Projektblogs mit vertieften Berichten sowie der systematische Erfassung, z.B. auf der OER World Map, durch die ein institutions- und länderübergreifender Transfer neuer Herangehensweisen unterstützt wird. Darüber hinaus sollten OER in den Suchen filterbar sein und die Verwendung der Lizenzfunktion in den LMS bekannter gemacht werden.

Anerkennung

Darüber hinaus spielt die Anerkennung durch die Institution beziehungsweise der Institutionsleitung oder durch externe Stellen eine Rolle. Lehrpreise, die OER in den Fokus nehmen (vgl. OER Award), eine Berücksichtigung bei Evaluationen, Berufungskommissionen, Jahresgesprächen oder die Bereitstellung einer eigenen Webpräsenz kann hier Abhilfe schaffen. In der selben Logik können auch Institutionen durch Akkreditierung oder Zertifizierung dafür Anerkennung bekommen, dass sie die Erstellung von OER fördern.

Unterstützungsstrukturen und Weiterbildung

Lehrende benötigen bei der Erstellung und Veröffentlichung von OER strukturelle, personelle, finanzielle und rechtliche Unterstützung. Dieser Bedarf erstreckt sich von der Finanzierung für Übersetzungen, Videoschnitt, die Beratung zu rechtlichen Aspekten und grafischer Darstellung bis hin zu institutionellen Policies, die OER “befürworten”. Fortbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu freier Lizenzierung, Datenschutz und Nutzungsrechten erleichtern den Lehrenden den Einstieg in die OER-Community, die auch in den Einrichtung selbst etabliert werden sollte. Das beinhaltet die Einführung von Tandems, Tutor*innen oder einer Begleitung auf Zeit.



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