Für eine zeitgemäße und chancengleiche Bildung in der Digitalität

Autor*innen - Marja-Liisa Völlers
- Anja Lorenz
- Jana Haase
- Björn Lefers
- Charlotte Echterhoff
- Kevin Einig
- Celestine Kleinesper
- Katharina Mosene
- Sigrid Fahrer
- Erik Grun

Moderation:
Marie-Luise Guhl

Durch Bibliotheken als Medienzentren und Moderatorinnen des Wandels

Im Hinblick auf die Chancengleichheit ist vor allem die Beschaffung, Ausleihe und Wartung von Geräten sowie sonstiger IT-Infrastruktur notwendig, aber auch die Weiterbildung von Multiplikator*innen an Schulen, um Open Educational Resources (OER) zu erstellen, speichern, bearbeiten und zu verbreiten. Zu oft erfolgt die Erledigung dieser Aufgaben jedoch auf informeller Basis, indem sich einzelne Lehrende engagieren und ihre Kolleginnen und Kollegen freiwillig, ohne entsprechende Abminderungsstunden, unterstützen. Hinzu kommt das ehrenamtliche Engagement von Eltern. Nur selten gibt es an Schulen oder von den Ländern bereits formelle Organisationseinheiten zur operativen Unterstützung dieser Digitalisierungsmaßnahmen. Um Ressourcen sinnvoll einzusetzen und Konkurrenzsysteme zu vermeiden, sollte auf bereits etablierte Institutionen zurückgegriffen werden. Bibliotheken, insbesondere Schulbibliotheken, sind hier ideale Schnittstellen, die oftmals schon mit anderen Bildungsinstitutionen vernetzt sind und sich in einem Transformationsprozess befinden, der mit schulischen Bedarfen synchronisiert werden sollte. Dieser Wandlungsprozess von rein Printmedien basierten Bibliotheken zu offenen und medial breit ausgestatteten Lernorten ist im vollen Gange und sollte mit konkreten Konzepten aus der formalen Bildung angereichert werden.

Bibliotheken als offene Lernorte

Wir nennen sie noch so, aber Bibliotheken sind schon lange nicht mehr Orte, an denen nur Bücher ausgeliehen werden. Und wenn sie es noch sind – so dürfen sie es nicht bleiben. Was Comenius 1658 „Bücherei“ nannte, wird in der Wikipedia heute als “Dienstleistungseinrichtung, die ihren Benutzer[*inne]n Zugang zu Information vermittelt” definiert. Was selbstverständlich klingt, ist notwendige Bedingung für gesellschaftliche Partizipation. Im Idealfall dient die Schulbibliothek als Aufenthalts-, Arbeits- und Kommunikationsraum für Lernende wie für Lehrende. Sie bietet Platz und Material für die Freizeit, zum selbstständigen Lernen und für neue kollaborative Unterrichtsformen. Offenheit im Lernen ist Voraussetzung für Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Um Chancengerechtigkeit in der Bildung zu ermöglichen, ist jede öffentliche Bibliothek als offener Lernort zu gestalten - ein Selbstverständnis, dass die Einrichtungen eigenhändig formulieren. Da die Nutzung öffentlicher Bibliotheken vor allem in der schulfreien Zeit stattfinden kann, braucht es auch Schulbibliotheken, die innerhalb der notwendigen Aufenthaltszeit in der Schule wirken können. Zugang zu Informationen wird heute vor allem digital und online vermittelt. In einem Gebäude(-teil), der “Bibliothek” genannt wird, müssen daher verschiedene Medien zur Verfügung stehen, damit die unterschiedlichsten Nutzerinnen und Nutzer genau das für sie geeignete Medium finden, um sich zu informieren. Selbstbestimmtes Lernen kann realisiert werden, wenn verschiedene Medien kritisch und kreativ genutzt werden können – denn ein Weg des Informierens verläuft über das Handeln. Im Handeln mit Medien, mit Informationen, also z. B. durch das Erstellen eines Webvideos, erfahren Lernende Informationen anders und erweitern ihr Wissen. Für all diese Anwendungsmöglichkeiten von Medien soll die Bibliothek als offener Lernort ausgerüstet sein. Das beinhaltet wesentlich mehr als eine bestimmte Anzahl von gut gewarteten Geräten, es braucht auch geschultes Personal, das die Lernenden auf ihren selbstgesteuerten Wegen unterstützt. Die Bibliothek der Zukunft verbindet digitales und analoges Lernen und lädt als attraktiver Ort Lernende ein, sich auf vielfältige Art mit Hilfe verschiedener Medien zu informieren. Als Format bietet sich dafür eine offene Werkstatt an, die zuweilen auch Open Space und Edu Lab genannt werden. Im Rahmen der Bibliothek wären das festgelegte Zeiträume, in denen Lernende in den Schulbibliotheken Geräte ausleihen, nutzen und sich beraten lassen können. Diese festen Zeiten können an Pausen oder auch im Ganztagsbereich an Hausaufgabenbetreuung angebunden werden. Für Lehrkräfte können die Schulbibliotheken ebenso Unterstützung bieten und neben der Vermittlung von konkreten Kompetenzen ein offenes Lernen in der Praxis erfahrbar machen.

Dafür braucht es

  • Ressourcen und Räume, um diese Möglichkeiten insbesondere auch an Schulen zu schaffen,
  • die Anpassung tradierter Stellenpläne, Arbeitsplatzbeschreibungen und Tarife an modernen Anforderungen und
  • Freiräume in den Lehrplänen sowie Anreize, diese an dritten Lernorten auszufüllen.

Bibliotheken als Katalysatoren für Open Educational Resources

Open Educational Resources sind ein wichtiger Bestandteil von Chancengleichheit in der Bildung, deshalb sollte die Erstellung, Speicherung und Weiterverwendung von OER in den Schulbibliotheken gefördert werden. Hauptamtliche Mitarbeiter*innen in Schulbibliotheken wären die idealen Ansprechpartner*innen, um offene Bildungsmaterialien sowohl bei Lehrkräften als auch bei den Lernenden bekannt zu machen. Sie besitzen Expertise in der Dissemination von (digitalen) Ressourcen, bei der Gestaltung von Räumen als Lernort sowie in der Unterstützung von Wissenstransfer. Bibliotheken sind ideal dafür geeignet, OER zu organisieren und zu teilen. Es sind Kenntnisse in der Formal- und Sacherschließung und in der qualitativen Bewertung von Materialien vorhanden, Beschäftigte in Bibliotheken sind erfahren in der Beratung und können Inhalte zu ausgewählten Themen kompetent vermitteln. In der Realität kann der Betrieb von Schulbibliotheken jedoch oft nur durch den Einsatz von Ehrenamtlichen, z. B. Eltern oder Lehrkräften der Schule, aufrecht erhalten werden. Werden Schulbibliotheken durch Fachpersonal hauptamtlich geleitet, haben sie – selbst wenn nur begrenzte Mittel und Kapazitäten zur Verfügung stehen – die Möglichkeit, einen Einstieg in das Thema “freie Bildungsmedien” zu finden und sich als Zentrum für Fragen zu OER am Ort zu etablieren. Sie können mit entsprechenden Angeboten auf die sehr dynamische Entwicklung auf dem Gebiet reagieren. So werden Mitarbeiter*innen zu Ansprechpartner*innen für Belange rund um Nutzung, Bearbeitung und Verwaltung offener Bildungsressourcen.

Aufgaben, die Schulmediotheken hierbei übernehmen können, sind:

  • Zum Wissensaufbau bei den Lehrkräften beitragen, aktuelle Themen sondieren und bei der Erstellung von OER unterstützen (z. B. in Form von Workshops und Coachings)
  • Unterstützung der Lernenden durch Beratung zu Fundstellen von OER (z. B. laufend gepflegte Linklisten auf Startseite der Bibliotheksrechner oder des OPAC)
  • Redaktionelle Betreuung der in der Schule entstehenden Bildungsmaterialien (z. B. Lizenzcheck)
  • Dissemination der in der Schule entstandenen Bildungsmaterialien (z. B. Einspeisen in Repositorien und Lernplattformen)

Es ist essentiell, dass in der Schulbibliothek Expert *innen aus verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten und für eine breite Wissensbasis sorgen. Dies kann ggf. regional organisiert sein. Wenn in jeder Schule, die eine Schulbibliothek, -mediothek, ein -medienzentrum, eine -medienwerkstatt betreiben möchte, eine verantwortliche Fachkraft mit einer ordentlichen Stelle vorhanden ist, kann diese den Einsatz von Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen in der eigenen Schule oder aus der Region zu bestimmten Zeiten bzw. für bestimmte Veranstaltungen oder Kurse koordinieren. Eine Medienberatung vor Ort wäre ebenfalls ein wesentlicher Service. Für die Praxis an der Schule ist es wichtig zu wissen, was OER ist, wie sie erstellt werden, ohne Urheberrecht zu verletzen, wo die Materialien geteilt werden dürfen, wo Öffentlichkeit an der Schule endet und beginnt, um sicher mit CC-lizenzierten Materialien umzugehen. Eine weitere Möglichkeit zur Weitergabe von Wissen und Kompetenz wären regelmäßig stattfindende Kurse zur Verwendung von Endgeräten und für den Umgang mit Software. Es könnten aktive Vernetzungsmöglichkeiten organisiert werden, um Interessierten den Einstieg zu ermöglichen. Gäste verschiedener Initiativen und Organisationen können von ihrer Motivation und Erfahrung berichten. Dadurch entsteht ein gesellschaftliches und politisches Verständnis bei den Lernenden dafür, warum ein offener Zugang zu Wissen so wichtig ist.

Bibliotheken als Medienzentren für digitale Technologien

Die aktuelle Situation spitzt Verhältnisse zu, die bereits vorher ein großes Problem darstellten: Kinder und Jugendliche aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien sind besonders von den Folgen der Corona-Krise betroffen. Zur Zeit des Lockdowns konnten viele von ihnen nur begrenzt am Homeschooling teilnehmen, da die nötigen Voraussetzungen, Endgeräte und der Internetzugang nicht immer vorhanden sind. Als Beispiel für öffentliche Bildungsorte mit analogen und digitalen Medien und Beratungsangeboten sind die Universitätsbibliotheken zu nennen. Mit entsprechender Ausstattung und Fortbildung wäre das auch an Schulbibliotheken möglich. Solche modernen Medienzentren könnten nicht nur analoge und digitale Bücher verleihen, sondern auch mobile Geräte, die für das Lesen und Lernen notwendig sind. In der Bibliothek als Medienzentrum sind nicht nur Endgeräte und freie Software vorhanden, sondern auch das Wissen, um diese zu nutzen. Eine weitere wesentliche Kompetenz der Medien-Expert*innen sollte es sein, auch Lehrkräfte in digitalen Fragen zu beraten. Für Lehrkräfte können die Schulbibliotheken ebenso Unterstützung bieten, in Bezug auf die Unterrichtsvorbereitung, Beratung zum Umgang mit Hass und Hetze im Netz sowie Barrierefreiheit. Wenn hier Personal mit sozialpädagogischer, medienpädagogischer und technischer Kompetenz eingesetzt werden kann, können diese Personen auch Schüler*innen und Lehrkräfte bei der Nutzung und Erarbeitung von OER unterstützen. Unterstützend hierzu werden Räume geschaffen, in denen die einzelnen Besucher*innen sich gegenseitig beraten. D. h. die Medienzentren sind nicht nur Bibliothek, sondern haben auch das Ziel die Lehre an die Lebenswelt aller Schülerinnen und Schüler anzupassen.

Medienzentren für alle Schüler*innen

Schüler*innen und Lehrer*innen erhalten Unterstützung in der Wartung des Endgeräts sowie in der Anwendung. Zur Vermeidung des Narratives, dass nur sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler die Medienwerkstätten besuchen, ist es wichtig, dass sie als offene Werkstätten fest in den Unterricht integriert werden. Nur wenn sie von allen Schüler*innen gern genutzt werden, können soziale Unterschiede überwunden werden. Unterstützt werden diese Selbstwirksamkeitsprozesse durch die hohe Qualität der Leihgeräte in den Medienzentren. Schüler*innen, die sich kein eigenes Endgerät leisten können, werden hierdurch nicht benachteiligt, sondern mit einem modernen, leistungsfähigen Endgerät lernen. Um die oben genannten Aspekte zu realisieren, muss auf personeller, technischer und räumlicher Ebenen ein Wandlungsprozess stattfinden.

Dafür braucht es

  • Die aktive Förderung von Schulbibliotheken.
  • Die Aus- und Weiterbildung der Angestellten zu Medienpädagogik-Expert*innen.
  • Schaffung von Stellen mit ausreichendem Stundenkontingent und angemessener Bezahlung.
  • Das Einbeziehen von Medienberater*innen in die schulbibliothekarische Arbeit
  • Die Umgestaltung von Schulbibliotheken auf technischer, räumlicher und didaktischer Ebene.
  • Die Bereitstellung von Netzanschluss und ausreichend großem Sortiment an Endgeräten.
  • Neben eines Konzeptes für einen Buchbestand wird ein Konzept für Lizenzierungen benötigt.
  • Bereitstellung von einem ausreichend großen Sortiment an Endgeräten, bestückt mit digitalen (Lese)-Medien und offener Software
  • Notwendige Kapazitäten für die Verzeichnung, Wartung und Pflege der Bestände.



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